Level Up für die Psyche: Wie Computerspiele Stress und Alltag besiegen helfen

Zwischen den Jahren saß ich abends wieder mit dem Controller auf dem Sofa. Eigentlich nur ein bisschen zocken, dachte ich. Am Ende waren es kurze Nächte, ich war müde am Morgen und trotzdem hatte ich dieses seltsam erholte Gefühl. Irgendwas machte das mit mir. Und genau das wollte ich verstehen.

Seit mittlerweile über 40 Jahren sitze ich am Computer und spiele genauso lange Computerspiele. Angefangen hat alles mit einem heute schon prähistorischen Sinclair ZX Spectrum, dann Amiga 500, später PC, zwischendurch und parallel immer wieder Konsolen. PS1, PS3, PS4, jetzt PS5 (wobei ich mir geschworen habe, dass bei mir spätestens hier Schluss ist, aus Gründen). In all den Jahren habe ich die Erde vor Aliens gerettet (Space Invaders), bin als Pirat auf Beutezug gegangen (Booty), habe mich an der Weltherrschaft und an internationaler Politik versucht (Civilization), als Gott ganze Völker gegeneinander ausgespielt (Populous), Städte geplant und wieder abgerissen (SimCity, Cities: Skylines), bin geflogen (MS Flight Simulator), habe Untote vertrieben (Ultima, Diablo) und – meine absolute Lieblingsdisziplin – als Kleinkrimineller virtuelle Metropolen unsicher gemacht (GTA IV und V). Und das ist nur ein Ausschnitt.

Auch wenn die Spiele unterschiedlichen Genres und Spielprinzipien entstammen, haben sie eines gemeinsam: Sie fesselten und fesseln mich bis heute über Stunden, und man bekommt gar nicht mit, wenn irgendwann die Sonne wieder aufgeht.

Doch was genau macht den Reiz von Computerspielen aus? Warum zockt man viele Stunden und vergisst jegliches Zeitgefühl? Früher habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht und einfach nur gedaddelt. Doch man wird älter, will die Welt verstehen und sucht immer öfter nach dem Warum. Und man verfügt irgendwann über genug theoretisches Wissen, um sich den Spaß zu erlauben, eine Hypothese aufzustellen.

Kurze Nächte, trotzdem erholt

Zwischen den Jahren hatte ich – wie erwähnt – mal wieder Zeit, den Controller in die Hand zu nehmen. Denn nicht ganz uneigennützig hatte der Weihnachtsmann meiner Frau ein Spiel unter den Baum gelegt: Diablo 4. Also haben wir wieder angefangen, abends die Dämonen aus Sanktuario zu vertreiben, unzählige Rüstungen und Waffen zu sammeln und uns mit komplizierten Skill-Bäumen theoretisch wie praktisch auseinanderzusetzen.
Trotz der kurzen Nächte (denn auch wenn man bis spät in die Nacht zockt, wird das Kind pünktlich um sieben Uhr wieder wach) habe ich festgestellt, dass ich unglaublich erholt war. Müde, aber erholt. Das bestätigte auch meine Fitnessuhr, die mir einen hohen Sleep-Score (bei kurzer Schlafdauer), eine hohe Trainingsbereitschaft und respektable Werte bei der Body-Battery attestierte. Wie kann das sein?

Warum wir stundenlang zocken

Als Erklärung kam mir direkt in den Sinn, was ich in der Psychologie über den Flow-Zustand gelernt habe. Flow, beschrieben vom ungarischen Psychologen Mihály Csikszentmihályi, ist ein Zustand, der über folgende Merkmale verfügt:

„[…] a sense that one’s skills are adequate to cope with the challenges at hand, in a goal-directed, rule-hound action system that provides clear clues as to how well one is performing. Concentration is so intense that there is no attention left over to think about anything irrelevant, or to worry about problems. Selfconsciousness disappears, and the sense of time becomes distorted.“

(Quelle: “Flow – The Psychology of Happyness” von M. Csikszentmihályi, Seite 71)

Frei übersetzt: „[…] das Gefühl, dass die eigenen Fähigkeiten ausreichen, um die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen, eingebettet in ein zielgerichtetes, regelgebundenes Handlungssystem, das klare Hinweise darauf gibt, wie gut man gerade abschneidet. Die Konzentration ist so intensiv, dass keine Aufmerksamkeit mehr übrig bleibt, um an Irrelevantes zu denken oder sich über Probleme Sorgen zu machen. Selbstbewusstsein im Sinne von Selbstbeobachtung verschwindet, und das Zeitempfinden wird verzerrt.

Diesen Zustand kennen wir (hoffentlich) alle: Man ist so vertieft, so fokussiert bei einer Aufgabe, dass alles um einen herum verschwindet, das Zeitgefühl verloren geht und man überrascht feststellt, wie spät es schon ist. Oder dass eigentlich längst Feierabend wäre, wenn man das Glück hat, diesen Zustand bei der Arbeit zu erreichen. Es ist ein bisschen wie Trance.

Warum erreicht man diesen tranceartigen Zustand bei Computerspielen so leicht? Flow entsteht, wenn eine Aufgabe weder zu einfach noch zu schwer ist. Man muss gerade noch über die Fähigkeiten verfügen, sie zu bewältigen. Sie ist herausfordernd, aber machbar. Andernfalls kippt das Ganze und führt zu Frust. Auch das kennt man von Computerspielen, wenn sie schlicht zu schwer sind.
Hinzu kommt, dass im Spiel ständig kleine Aufgaben abgeschlossen werden und man dafür direkt und unmittelbar belohnt wird. Im Fall von Diablo, einem Hack-and-Slay-Spiel, führt jedes epische Item, das ein Monster fallen lässt, zu einer kleinen Ausschüttung von Glückshormonen. Jeder größere Kampf gegen den Endboss erfordert ein hohes Maß an Konzentration, den richtigen Skill zur richtigen Zeit anzuwenden und in einem unübersichtlichen Gemenge rechtzeitig den Heiltrank zu trinken, um das Gemetzel erfolgreich zu überstehen. Es liest sich, wie eine eins zu eins Umsetzung der oben zitierten Merkmale vom Flow-Zustands. Das lässt sich natürlich auf die meisten (guten) Computerspiele übertragen, was sicherlich kein Zufall sein dürfte!

Zocken als mentale Wellness

Die Folge: Man fühlt sich gut, bekommt den Kopf frei (was durchaus etwas meditatives hat) und kann wunderbar entspannen. Aus eigener Erfahrung ist das für mich ein perfektes Mittel, um abzuschalten, ohne dabei passiv zu werden, wie beim Binge-Watching von Serien beispielsweise. Das Gehirn bleibt aktiv, die Hand-Augen-Koordination und damit die Reaktionsschnelligkeit wird gefördert (Vgl. „Computerspiele und lebenslanges Lernen“ von Sonja Ganguin, Seite 259), man lernt mit Frust umzugehen und stärkt damit seine Handlungsorientierung bei Misserfolg (nach Julius Kuhl), und ganz nebenbei verschwinden auch die Dämonen des Alltags aus dem Kopf, während man im Spiel auf Skelette einprügelt.
Wem also Yoga zu anstrengend und Mindfulness zu langweilig ist, dem empfehle ich, es mal mit ein paar guten Computerspielen zu versuchen. Aber bitte nicht diese stupiden Pay-to-Win-Games auf dem Smartphone, bei denen man dazu genötigt wird, mit echtem Geld Abkürzungen zu nehmen.

Ich jedenfalls werde künftig wieder häufiger und ganz bewusst abends zocken. Weil es Spaß macht. Und weil es der mentalen Gesundheit guttut. Flow-Zustände beim Spielen reduzieren Stress, schärfen die Aufmerksamkeit und steigern die Stimmung – ähnlich wie Meditation, nur viel unterhaltsamer.